Der Schneemann

 

12.01.2001

Das Bild ist witzig: eine knubbelige Gestalt steht in der Mitte einer schmuddeligen Winterlandschaft, blassgelb beschienen von kaum noch zu ihr hinreichenden Straßenlaternen, was dem Eindruck einer schlecht ausgeleuchteten Filmszene aus den 80ern noch verstärkte. Der Mantel zugesaut, Arme kaum vorhanden, die Nase ragt als einziges aus der kompakten Körpermasse in den Wind und von unten häufen sich langsam Schnee- und Matschmassen an den dürren Beinen hoch, um diese Lücke auch noch zu schließen.

Wie mechanisch hebt Bruno eine Bein und beginnt, sich wieder in Bewegung zu setzen. Er hat sich einige Minuten lang davon überzeugt, dass das Licht aus dem Haus tatsächlich ihn meint. Naja, es war jedenfalls niemand außer ihm da, wen sollte es sonst meinen? Von der Existenz kleiner Wesen an den Ufern der versammelten Pfützen ist er nicht überzeugt obwohl die Wahrscheinlichkeit dafür vermutlich ebenso hoch, wie die für Leben auf der Erde ist. Aber trotzdem. Er selbst ist zwar ebenso verwundlich genug, aber sowas macht es nicht leichter, an andere Dinge zu glauben, die man nicht schon immer wußte. Also weiter.

Seine Spur knickt ab, in fast rechtwinkliger Abzweigung verläßt er seine Fußstapfenreihe, tritt er heraus aus dem Kurs um die Wasselachen herum, und nähert sich dem Zaun aus Holz, der die Straße von dem Garten und dem Haus trennt. Der Zaun ist ein, naja mäßiges Hindernis. Er ist nicht sonderlich hoch, aber wenn sie stundenlang durch die Kälte gewandert sind und mit wackeligen kleinen Beinchen in einem kugelrunden Mantelungetüm stecken würden, reichte Ihnen das auch. Er schafft es, mit Schwung seine Hände aus den Mantelärmchen zu katapultieren. Die Schneekappe auf den Bögen des Holzes fühlt sich stechend-kalt an. Das macht es nicht leichter, sich auf ihnen abzustützen und den Zaun hochzustemmen. Am Haus blinken die Flocken vor der Laterne. Das Zeichen macht alles richtig. Es wirft einen Tunnel warmen Scheins wie eine zähe, tragende Masse auf die weiße Fläche zwischen Zaun und Haus. Das lenkt von den fast festgeklebten Händen ab, zumindest ein paar Augenblicke, dass er sich so weit hochstemmen kann, dass er sein rechtes Bein auf die andere Seite befördern kann.

Aber es rutscht. Ein paar Zentimeter die linke Hand nach links, das Gleichgewicht ist nicht mehr gleich, die wohlgedachte Bewegung fällt ins Leere. Bruno und sein Mantel kugeln sich über den Holzbogen und landen dumpf klatschend im Schnee, auf etwas, das sich als gefrohrener Rasen herausstellt. Gott sei Dank schlagen seine Beine beim Weg runter noch am Holz an und schmerzen höllisch. Das lenkt etwas vom geistigen Schmerz ab.

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